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num: 29915
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GRUPPE: de.sci.mathematik
FROM  : Ulrich D i e z 
DATE  : Sat, 28 Mar 2026 15:02:51 +0100
TEMA  : Re: Der Satz von Bayes und die Realitaet
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Ulrich D i e z schrieb:

> Ich versuche zunächst, das Vorposting nach dem
> Vier-Seiten-Kommunikationsmodell von Friedemann Schulz von Thun
> durchzugehen.
> 
> Stefan Ram schrieb:
> 
>>   Angewandte Mathematik:
>> 
>>   In verschiedenen Texten und Videos zum Satz von Bayes findet
>>   man diese Frage:
>> 
>> |Steve is very shy and withdrawn,
>> |invariably helpful but with very
>> |little interest in people or in the
>> |world of reality. A meek and tidy
>> |soul, he has a need for order and
>> |structure, and a passion for detail.
> 
> Mit Steve z.B.:
> 
> Amos Tversky and Daniel Kahneman: Judgment under Uncertainty: Heuristics
> and Biases.
> 
> Ohne Steve könnte auch interessant sein:
> 
> Amos Tversky and Daniel Kahneman: Belief in the law of small numbers.
> 
> 
>>   . Ist er eher Bibliothekar oder Bauer?
> 
> Dass man diese Frage in verschiedenen Texten und Videos zum Satz von
> Bayes findet findet, ist eine Information auf Sachebene.

Ein "findet" bitte streichen.

>>   Spoiler voraus:
>> 
>>   Vor dem Weiterlesen, willst Du Dir vielleicht erst einmal eine
>>   eigenen Meinung dazu bilden . . .
> 
> Dies könnte ein Appell an die Leserin/den Leser sein, sich selbst eine
> Meinung zu bilden, verbunden mit dem Beziehungsebenen-Subtext, der
> Leserin/dem Leser zuzutrauen, dies zu können. Leider wird nicht klar zum
> Ausdruck gebracht, worauf der Fokus beim Meinungbilden genau liegen soll.
> 
>>   Spoiler voraus:
>> 
>>   Also, in dem Video wurde gesagt: Die meisten sagen "Bibliothekar",
>>   aber sie machen dabei den Fehler zu vergessen, daß es viel mehr
>>   Bauern als Bibliothekare gibt!
> 
> Informationen auf Sachebene.
> 
>>   Ich bin ein großer Fan von Bayes, aber hier ist für mich
>>   "little interest in the world of reality" ziemlich stark.
> 
> Information auf der Ebene der Selbstkundgabe.
> 
>>   Ein Bauer muß sich meiner Vorstellung nach sehr für die Realität
>>   interessieren: Für den Weizen auf dem Feld, das Wetter, die
>>   Preise des Weizens etc. Dadurch ist der Bauer für mich ziemlich
>>   ausgeschlossen, auch wenn es viel mehr Bauern als Bibliothekare gibt.
>> 
>>   Ein Bibliothekar kann sozusagen den ganzen Tag seinen Kopf in
>>   Bücher stecken und in einer Welt von Katalogen und Texten leben.
>> 
>>   Dann frage ich mich auch, ob es wirklich viel mehr Bauern
>>   als Bibliothekare gibt, wenn man als einen Bauern nur den
>>   selbständigen Betreiber eines Bauernhofes sieht und keine
>>   Leute, die auf einem Bauernhof arbeiten. Immerhin wurden
>>   viele kleine Bauernhöfe zu großen zusammengefügt.
> 
> Information auf der Sachbene und der Ebene der Selbstkundgabe.
> 
>>   Laut Chatbot in den Vereinigten Staaten:
>> 
>> |Farmers, Ranchers, and Other Agricultural Managers 
>> |(Bauern, Viehzüchter und landwirtschaftliche Betriebsleiter)
>> |836000
>> 
>> |Librarians and Library Media Specialists (Bibliothekare und
>> |Bibliotheksmedienspezialisten)
>> |142000
>> 
>>   Quotient: 5,9.
>> 
>>   In einem Bayes-Video wird aber ein Verhältnis von 1:20 angenommen.
>> 
>>   Also für mich ist es wahrscheinlicher, daß Steve Bibliothekar
>>   ist als in einem Bayes-Lehrvideo gesagt, wo sie wohl nur auf 
>>   eine Wahrscheinlichkeit von 16 Prozent kommen.
> 
> Informationen auf Sachebene.
> 
> Mein Fazit:
> 
> Du scheinst nicht geneigt gewesen zu sein, die Appellebene explizit zu
> bedienen. Ich erkenne jedenfalls nicht, was genau, außer sich vielleicht
> eine eigene Meinung zu bilden, du von Leser/inne/n möchtest.
> 
> Ich weiß unter anderem deshalb nicht, ob ich mit dem Folgenden adäquat
> auf dich eingehe:
> 
> |Steve is very shy and withdrawn,
> |invariably helpful but with very
> |little interest in people or in the
> |world of reality. A meek and tidy
> |soul, he has a need for order and
> |structure, and a passion for detail.
> 
> Mir stellt sich die Frage, wie "little interest" zu verstehen ist.
> 
> Steve ist fiktiv. Steve ist nicht real. Dem fiktiven Steve kann vieles
> zugeschrieben sein. Er könnte von einer Beschaffenheit sein, die, wenn
> er real wäre, paradox wäre.
> 
> Wenn Steve real wäre, könnte es sein, dass Steve gerne die Realität und
> den Umgang mit Menschen miede. Es könnte aber auch sein, dass das nicht
> der Fall wäre und Steve sich mit Menschen und der Realität sorgfältig
> und ins Detail gehend befassen würde, um unenthusiastisch den
> Notwendigkeiten für den Erhalt von Struktur und Ordnung zu genügen. Es
> könnte sein, dass er sich für Menschen und Realität nicht als
> Selbstzweck interessieren würde, sondern darin, sich damit zu befassen,
> ein im Grunde uninteressantes Mittel zu dem interessanten Zweck sehen
> würde, sein Bedürfnis nach Struktur und Ordnung und dem Empfinden von
> Freude am Sich-Befassen mit Details zu befriedigen.
> 
> Die Information, dass der fiktive Steve wenig Interesse an Menschen und
> der Realität hat, ist mir zu unscharf, um daraus eine Prämisse für auf
> im geschilderten Sachverhalt als real Anzunehmendes zu beziehende

als Realanzunehmendes

> Schlussfolgerungen ableiten zu können.
> 
> Ich müsste Annahmen darüber treffen, was "wenig Interesse haben" bei
> Steve alles impliziert, um Annahmen hinsichtlich der Frage, ob Steve
> eher Farmer oder eher Bauer ist, zu stützen. Spekulation mit Spekulation

eher Bibliothekar oder eher Bauer

> zu begründen verschafft nicht unbedingt objektive Gewissheit in Fragen,

zu begründen,

> die auf fiktive Sachverhalte bezogen sind und stellt nicht unbedingt
> eine Methode dar, bezogen auf Reales zu objektiven Gewissheiten zu kommen.
> 
> Ich kann anhand der Informationen über den fiktiven Steve keine
> Vermutung darüber anstellen, ob er, wenn er real wäre, in der Klasse der
> realen Menschen, auf die das Genannte zutrifft, einer Teilklasse
> zuzurechnen wäre, deren Instanzen weniger häufig sind oder einer
> Teilklasse zuzurechnen wäre, deren Instanzen häufiger sind.
> 
> Ich könnte versuchen, in der Frage, ob Steve, wenn er real wäre, ein
> Bibliothekar oder ein Farmer wäre, eine Art subjektiver Gewissheit zu
> entwickeln, aber ich weiß nicht, ob du dies möchtest bzw. ob
> Einlassungen darüber, wie ich zu lediglich subjektiven Gewissheiten
> komme, für dich interessant sind.
> 
> 
> Wo zum einen es zumutbar ist, auf das Gegebensein des Seltenen zu prüfen
> und zum anderen es unethisch ist, bei Zumutbarkeit der Prüfung auf das
> Gegebensein des Seltenen die Prüfung zu unterlassen, sollte die Prüfung
> vorgenommen werden.
> 
> Ich finde es beispielsweise unethisch, wenn Ärztinnen und Ärzte es
> unterlassen, eine Patientin oder einen Patienten ordentlich zu
> untersuchen und zu diagnostizieren, der leidet, und nach (nicht
> unbedingt sorgfältig vorgenommenem) Ausschluss häufiger auftretender
> Leiden oder leicht zu diagnostizierender Leiden zur reinen Spekulation
> übergehen und dabei billigend in Kauf nehmen, die Patientin/den
> Patienten falsch zu behandeln und ihr/sein Leiden in die Länge zu
> ziehen/zu vergrößern, obwohl es ihnen zumutbar ist und die Ressourcen da
> sind, und es volkswirtschaftlich gesehen insgesamt günstiger sein
> könnte, auch Selteneres und schwerer Diagnostizierbares sorgfältig
> abzuprüfen.
Mit freundlichem Gruß

Ulrich
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